2001

Main-Echo (feature, September 9, '01)

Hinter der Fassade
Der Goldbacher Songwriter Markus Rill und seine neue CD "Nowhere Begins"

Von Alexander Bruchlos

Es sind die Mythen, die hinter der Fassade der prosaischen Welt schlummern, die Markus Rill beschäftigen. So mancher seiner Protagonisten könnte einem Roman von Cormac McCarthy entsprungen sein. Viele der Songs auf seiner aktuellen CD "Nowhere Begins" widmet der 31-Jährige den Outlaws und Ausgestoßenen der Gesellschaft, dem Personal, das die Country- und Roots-Musik seit Hank Williams beschäftigt. "Nowhere Begins" ist das dritte und bisher reifste Werk des aus Goldbach stammenden, heute in Würzburg lebenden Ex-Ringers und Songwriters. "Es sind schon persönlichere Sachen als früher", so Rill über seine neuen Songs. Zwar enthalten auch die 13 Stücke der aktuellen Cd noch Short-Story-Elemente - etwa, wenn sich in "Don't Look Back" die Erzählstränge zum Schluss filmreif verknüpfen - doch die Pointe auf Biegen und Brechen sei nicht mehr seine Sache. "Ich wollte früher alles über die Story machen", sagt er. Heute könne auch einmal eine Stimmung einen Song auslösen. So ein Sonnenuntergang in "When The Sky Turns To Red". "Da verstand ich erst, was Bob Dylan mit seinem Albumtitel ,Under The Red Sky' meinte."

Ansonsten verschmelzen bei Rill die Traditionen: die klassische Utlaw-Nummer findet sich bei ihm ebenso wie die Tragik einer Folk-Ballade in "Lorna Sue". Und bei so manchem Song lässt sich trefflich eine Träne über dem Bierglas vergießen. Was die Ausgestaltung der Stücke angeht, merkt man der CD die langjährige Bühnen-Erfahrung der Musiker an. Durch ganz Europa sind Rill und seine Gunslingers Marcus "Ed" Staab (Elektrische und Slide-Gitarre, Dobro), Bassist Andreas Reif und Drummer Rüz Löser gereist und dabei zu einer festen Band zusammen gewachsen. "Die Arrangements sind tighter", schätzt der Band-Chef. Und vieles wurde bei der neuen CD live im Studio eingespielt. Overdubs vermied man soweit es ging. "Vielleicht ist die CD unsere Antwort auf ,Sticky Fingers' von den Stones. Es sollte ein richtiges Bandalbum werden", so Rill.

Was nicht heißt, dass auf "Nowhere Begins" auf Teufel komm raus gerockt wird. "Don't Look Back" ist eine veritable Ballade mit filigranen Dobro-Licks. "A Thing Called Love" ein Kabinettstückchen, in dem Rill alle Register seines Gitarrenspiels zieht und Bassist Reif an der Violine glänzt. "Lonely Wraps Around Me" ist eine klassische Feuerzeug-Nummer mit Mundharmonika-Begleitung. Und nicht nur bei den schnelleren Stücken brilliert Ed Staab an der Lead-Gitarre. Keine Frage: Der Bootleggin' Hobos-Gitarrist gehört zu den Kennern seines Fachs. Man merkt den Songs und Arrangements an, dass sie nicht nur Verbeugungen vor den Größen des Genres sind. Sicher leugnet Rill auch auf "Nowhere Begins" nicht, dass seine Götter Townes van Zandt, Robert Earl Keen und Steve Earle heißen. Doch der Würzburger, der sein Songwriter-Handwerk in den Coffee Houses im texanischen Austin geschult hat, hat sich längst frei geschwommen. Und er belegt auf der aktuellen CD, dass er in der Oberliga des europäischen Roots-Rock mitspielt.