| 2001
Frankfurter Rundschau (Nov. 15, '01, review)
Höchster Wurzeln
Der deutsche Country-Barde Markus Rill in der "Wunderbar"
Von Gérard Otremba
(Frankfurt-Höchst. "Back to the roots" hieß
es für Markus Rill gleich in doppelter Hinsicht. Schließlich
erblickte der in der Zwischenzeit in Würzburg beheimatete
Musiker vor 31 Jahren in Höchst das Licht der Welt. Als "besten
amerikanisch-deutschen Singer/Songwriter" kündigte ihn
Ralf Otto, Betreiber der Szenekneipe "Wunderbar", an.
Mit dieser Einschätzung liegt er auch gar nicht so falsch.
Nicht nur Rills Neil-Young-Outfit - Blue-Jeans und Holzfällerhemd
-, auch seine Songs stehen in der klassischen amerikanischen Songwriter-Schule
von Cash, Dylan, Young, Townes van Zandt und Steve Earle.
Auf den drei bislang veröffentlichten CDs, die auch im Fachmagazin
Rolling Stone ein mehr als respektables Echo fanden, wird Markus
Rill von seiner Begleitband, den Gunslingers, unterstützt.
Die blieben an diesem Abend zu Hause, so dass die Gäste in
der Wunderbar, die auch kulinarisch ganz im Zeichen der Cajun-
und Texasküche mit den passenden Cocktails stand, Rills Lieder
in der auf Stimme, akustische Gitarre und gelegentliche Harmonikaeinsätze
reduzierten Fassung hörten.
Die Songs entpuppten sich nicht als billige Imitate Rills musikalischer
Vorbilder, sondern besaßen genügend eigene Ecken und
Kanten. Sowohl Arrangements, Vocals und Gestus als auch - natürlich
- die Texte forderten die Aufmerksamkeit des Publikums. Denn Markus
Rill, tagsüber Volontär bei der Main-Post, erzählt
in seinen Songs Kurzgeschichten. Geschichten über Frauen
und Whiskey, über "hard times and bad luck", über
Outlaws und unglückliche Liebe, über eigene Seelenzustände
und den modernen Zeitgeist ("New Millennium Blues"),
verpackt in Country-/Blues-/Rock- und Folkrhythmik.
Im "ersten Country-Song über das Internet" bewies
der ehemalige, mehrfache deutsche Mannschaftsmeister im Ringen
vom AC Goldbach zudem seine humoristische Ader. "I'm in love
with a woman I've never seen" heißt es da und damit
fangen die Probleme erst an. Denn die Kontaktperson im Internet
behauptet zwar, sie sei 25 Jahre jung, aber genauso könnte
sie 50 Jahre alt oder sogar ein Mann sein. Wie dem auch sei, gespielt
war der Song als perfekt getimter Talking-Blues der frühen
Dylan-Ära. Dessen "Don't Think Twice, It's All Right",
Springsteens "I'm On Fire", Cashs "Folsom Prison
Blues" sowie Mellencamps "Cherry Bomb" interpretierte
Markus Rill gekonnt und souverän.
Im ersten Teil seines in drei Abschnitte gegliederten Konzertes
unterstützte ihn die 24-jährige Anne-Katrin Domwczyk.
Die Nichte von Wunderbar-Besitzer Ralf Otto erfüllte sich
den Traum "einmal auf einer Bühne zu stehen", überwand
ihre verständliche Nervosität und ergriff bei ihrem
Heimspiel die Zuhörer mit ihrer Version von Don McLeans Ode
an "Vincent" van Gogh. Bei Dylans "I Shall Be Released",
im Duett mit Rill gesungen, erfüllte nostalgische Gänsehauthautromantik
die Wunderbar. Für die harmonisch-melancholische Note sorgte
Chris Fest als zweiter Gastmusiker. Am Ende stellten die Zuhörer
fest: Manchmal ist der Weg von Austin, Texas, wo Rill ein Jahr
lang studierte und sich seine ersten musikalischen Sporen verdiente,
nach Frankfurt-Höchst gar nicht so weit.

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