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1999
Nordkurier (April '99, Portrait & Interview)
In jedem Song steckt die Arbeit, die zu leisten ist
Hervorragende Musiker kommen nicht nur von jenseits des großen
Teiches Markus Rill ist Student, kommt aus Würzburg und wird
auch in Texas sehr ernst genommen
Von Thomas Türülümow
Würzburg/Austin-Texas/Berlin. Markus Rill hat es satt immer
danach gefragt zu werden und findet eine einleuchtende Begründung
dafür. "Ich meine, die Songs sind das Allerwichtigste.
Ich werde für meinen Geschmack zu oft danach gefragt, wie
ich als Deutscher in diesem Genre authentisch sein kann. Diese
Frage stellt sich mir überhaupt nicht in dieser Form. Jeder
einzelne Song muß bestmöglich geschrieben sein, das
ist die Arbeit, die zu leisten ist. Punkt." Und dieser wahrlich
ernstgemeinte Punkt ist für ihn auch klar: "Wenn es
mir gelingt, auf einem Album zehn oder zwölf wirklich gute
Songs zu vereinen, dann bin ich ein guter Songwriter, egal ob
ich in Texas oder Timbuktu geboren wurde", sagt Markus Rill.
Rückblende. Es war im Juni dieses Jahres in Beverungen. Ein
eher verschlafenes Örtchen im Weserbergland, das seit nunmehr
zwei Jahren jäh aus der Stille gerissen wird. Das dort ansässige
rührige Musik-Label und gleichzeitiger Mailorder-Versand
namens "Glitterhouse" veranstaltet ein Konzert für
seine Kunden im Garten der Firma. Die kleine Glitterhouse-Truppe
hat sich in den vergangenen Jahren ganz der Roots-Musik verschrieben
und die Mannen um Reinhard Holstein geben Bands auf ihrem Label
und bei den Festivals eine Chance, sich zu zeigen und vorzustellen.
Eine eher löbliche Ausnahme im harten Musikbusiness. Und
ein undankbares Geschäft, denn Glitterhouse ebnet vielen
unbekannten Bands vor allem aus den USA den Weg zu den sogenannten
Major-Labels, dorthin, wo das wirklich große Geld (manchmal)
zu verdienen ist. "Orange Blossom" hat Reinhard Holstein
sein Festival genannt. Dann steht Markus Rill mit seiner Band
auf der Bühne, der erste richtig große Gig der jungen
gerade gegründeten Vier-Mann-Truppe. Er singt von Outlaws,
den Außenseitern, traurige Songs, wie sie nur in der Wüste
unter den Kakteen von Texas zu gedeihen scheinen. Lieder, die
von Country, Blues, Folk und Cajun-Einflüssen durchsetzt
sind. Aha, einer der jungen Texaner, denkt so mancher der Fans
und dann das große Erstaunen, als er sich als Würzburger
Student herausstellt, der gerade sein Staatsexamen für das
Lehramt Englisch und Sozialkunde durchzieht. Nebenbei hat er bereits
eine erstklassige Solo-CD "Gunslinger's Tales" in Eigenproduktion
hergestellt, die aber nach einem großen Geld-Budget klingt.
Nun ist ein deutscher Musiker, der englisch singt, beileibe nichts
Ungewöhnliches. Aber wenn ein Songwriter wie Markus Rill
selbst in Texas, wo er ein halbes Jahr lang in Austin lebte und
in den Clubs spielte, praktisch als "Einheimischer"
gefeiert wird, dann ist das schon etwas Besonderes. Eben weil
es dort zweifellos unzählige Talente gibt, die auf der Suche
nach Erfolg sind.
Englisch singen, deutsch sein, amerikanisch fühlen, geht
das denn überhaupt in Deutschland?
Die Frage, ob ich als Deutscher nicht eigentlich deutsch singen
müßte, hat mich auch mal in eine Art "Glaubenskrise"
gestürzt. Es gibt für mich zwei Gründe, dies nicht
zu tun. Erstens, es fällt mir schlichtweg schwerer. Hochdeutsche
Textsprache klingt mir oft zu distanziert oder zu gewollt-poetisch
oder sie verfällt ins kitschig-flache. Vielleicht läßt
sich Rock'n'Roll oder Country eher mit Texten im Dialekt vereinbaren
wie bei Wolfgang Niedecken von BAP, aber dazu fehlt mir etwas
der Zugang. Zweitens habe ich einfach ein Faible für die
englische Sprache. Meine Lieblings-Songwriter und -Schriftsteller
sind ausnahmslos englischsprachig, demzufolge beziehe ich daher
meine Inspiration. Grundsätzlich bin ich natürlich der
Meinung, daß ein Deutscher, der englische Texte verfaßt,
mit der Sprache sehr vertraut sein muß. Der Text muß
sich schließlich mit den Texten von Muttersprachlern messen
lassen. Meine Zeit in den USA hat mir meine Tauglichkeit in dieser
Hinsicht bestätigt, deshalb hat's mich sehr gefreut, daß
mich zwei amerikanische Bands fragten, ob sie Songs von mir covern
könnten.
Du willst mal Lehrer werden, vielleicht. Deine Texte sind allerdings
nicht "lehrerhaft" angelegt. Und vermißt Du eigentlich
das "Amerika"-Gefühl hier in Deutschland? Die Stilrichtung
Country-Folk, Texas-Rock bekommt in Deutschland ja gerade einen,
wenn auch nur kleinen, Hype durch die Musik-Industrie.
"Lehrerhaft"? Ich hoffe schon, daß ich Inhalte
habe. Andererseits will ich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger
rumfuchteln, der Hörer hat die Chance, die Texte für
sich zu erschließen, zu interpretieren. Man sollte auch
zwischen den Zeilen lesen. Zum "Amerika-Gefühl":
Gerade durch die intensive Beschäftigung mit amerikanischer
Musik, Literatur und auch Kinofilmen versuche ich, dieses Amerika-Gefühl
für mich wachzuhalten. Ich habe auch noch viele Kontakte
zu Freunden aus Austin oder anderswo in den USA.
Markus Rill liebt solche Geschichten von Liebe und Frust, aber
auch von Verlierern und Außenseitern der Gesellschaft und
zieht aus diesen Geschichten das Songmaterial. Die Texte für
die neue, hoffentlich bald kommende, CD hat er ebenfalls aus Büchern
und authentischen Fällen. So ist "An Eye For An Eye"
("Auge um Auge") ein Song, der ihn stark von zwei Büchern
inspiriert ist, die er über Gary Gilmore gelesen hat. Gilmore
war ein zum Tode verurteilter Mörder, der darauf bestand,
daß die gegen ihn verhängte Strafe auch ausgeführt
wird. Er wollte einerseits in Würde sterben, andererseits
durch die Akzeptanz seiner Strafe Sühne für seine Verbrechen
leisten. Ein anderer Gefängnis-Song ist "Snake Tattoo"
("Schlangen-Tätowierung"), darin geht es um eine
im Knast geschlossene Freundschaft, um Vertrauen und Hoffnung
und auch um Resozialisation. Andererseits wollte er auch einfach
nur mal einen Song für seinen besten Freund schreiben...
"Ich hab' auch schon so viele Songs über irgendwelche
Mädels geschrieben, mit denen ich lange nicht so intensiv
befreundet bin und war", lacht Markus.
Warum denn aber immer solche traurigen Songs, paßt das überhaupt
auf den deutschen Markt?
Irgendwie ja, denn sonst kämen nicht so viele Leute zu Konzerten
mit solchen Bands. Was uns betrifft, so ist "Trouble With
The Law" ("Gesetzeskonflikte"), zum Beispiel ein
weiterer Outlaw-Song, den ich direkt nach dem Lesen der ersten
Kapitel der Jerry Lee Lewis-Biographie "Hellfire" ("Höllenfeuer")
geschrieben habe. Die Familie von Jerry Lee war stark religiös
und das Buch vermittelt einem so ein starkes Gefühl von deren
Glauben an Schuld und Sühne, daß ich das in diesem
Song nachvollziehen wollte. Dann gibt's da noch einen Song namens
"Memory And A Dream" ("Erinnerung und ein Traum"),
in dem ein mittlerweile Erwachsener beschreibt, wie er als Kind
den Mord des Vaters an seiner Mutter miterlebte. Daran geknüpft
sind seine Schuldgefühle und ein - verständlicherweise
- gestörtes Vater-Sohn-Verhältnis. Also, die Fröhlichkeit
hast Du damit wahrlich nicht erfunden.... Neben diesen tragischen
Storysongs, zu denen ich mich beim Schreiben immer hingezogen
fühle, gibt's natürlich auch etwas leichtere Kost. Grundsätzlich
finde ich allerdings solche Extremsituationen für einen Songschreiber
sehr interessant. Schließlich habe ich im Gegensatz zum
Romanautor nicht die Zeit, in ausführlichen Expositionen
die Komplexität des Lebens eines "Normalbürgers"
und dessen Konflikte darzulegen. Wenn ich also gleich eine extreme
Situation vorstelle, dann kann ich ohne lange Vorreden gleich
in die Tiefe der Story gehen und die psychologischen oder sonstigen
Konflikte aufzeigen. Ich glaube, so geht's einigen Songwritern.
Als junger Musiker hat man es ziemlich schwer, sich in Deutschland
über Wasser zu halten, wenn man nicht gerade die richtigen
Beziehungen hat und durch diese bekannt wird. Die erste CD wurde
vor allem deshalb von Markus in Eigenregie produziert, weil er
überhaupt keine Kontakte zu den eigentlich maßgeblichen
Leuten hatte. Die fertigen Aufnahmen wollte auch keine Firma übernehmen.
"Zwar sagten alle, daß ihnen die CD sehr gut gefiele,
aber keiner konnte sich vorstellen, damit etwas zu verdienen",
erinnert er sich. Dennoch, führende Musikzeitschriften wie
der "Rolling Stone" lobten ihn, was allerdings für
ihn noch nicht heißt, offenbar im Establishment gelandet
zu sein. "Ich glaube nicht, daß ich wegen einer etwa
zehn Zeilen langen CD-Besprechung in der "Nuggets"-Rubrik
vom "Rolling Stone" zum Establishment gehöre",
lacht er. Im übrigen habe er diese Frage gerade letzte Woche
mit Marius Müller-Westernhagen und David Bowie erörtert,
als man gemeinsam bei Karl Lagerfeld zum Diner eingeladen war,
scherzt er weiter. Auf dem Festival merkt man aber dennoch, wie
sehr er sich freut, wenn die Fans zu ihm kommen und ihn nach seiner
Musik fragen. Er holt dann ein paar Kopien mit Rezensionen hervor
und verweist auf seine CD, die es nur im Mailorder-Versand, in
Würzburger Plattengeschäften oder bei seinen Konzerten
zu kaufen gibt.
Mittlerweile hat er aber die Herren von "Glitterhouse",
also "King" Reinhard Holstein, und von "Blue Rose
Records", die mit dem Namen des Chefs Edgar personifiziert
werden, persönlich kennengelernt. Er hofft, daß man
bei der nächsten CD zusammenarbeiten wird. Durch einen guten
Vertrieb, so hat auch der Heimarbeiter Markus verstanden, gibt
es doch die Möglichkeit, mehr Leute zu erreichen. "Ich
glaube, daß viele potentiell Interessierte meinen Namen
- geschweige denn meine CD - noch nie gehört haben",
meint er. Dennoch sind Festivals und Konzerte nicht unwichtig
und gehören dazu wie das Klinkenputzen.
Trügt der Schein oder sind gerade kleine, man möchte
beinahe sagen familiäre Festivals wie das "Orange Blossom"
(OBS) ein Zeichen dafür, daß die Konzert-Besucher eher
das "Kleine und Feine" suchen als das Überdimensionale
wie im dänischen Roskilde oder das "Bizarre-Festival"
bei Köln?
Da kann ich nur für mich sprechen. Zu solch riesigen Veranstaltungen
fühle ich mich überhaupt nicht hingezogen, ich habe
mir neulich nicht mal die Stones angeschaut. Ich sah sie auf der
Voodoo-Lounge-Tour in San Antonio, und es war ganz phantastisch.
Wir empfanden das OBS als echt tolles Festival mit wirklich guten
und auch zum größten Teil sehr netten Bands. Es war
dort einfach eine sehr angenehme Atmosphäre und es hat uns
großen Spaß gemacht, dort zu spielen. Natürlich
auch, weil wir wußten, daß das Publikum der amerikanischen
Roots-Musik generell wohl gesonnen war.
Trügt der Schein oder sind gerade kleine, man möchte
beinahe sagen familiäre Festivals wie das "Orange Blossom"
(OBS) ein Zeichen dafür, daß die Konzert-Besucher eher
das "Kleine und Feine" suchen als das Überdimensionale
wie im dänischen Roskilde oder das "Bizarre-Festival"
bei Köln?
Da kann ich nur für mich sprechen. Zu solch riesigen Veranstaltungen
fühle ich mich überhaupt nicht hingezogen, ich habe
mir neulich nicht mal die Stones angeschaut. Ich sah sie auf der
Voodoo-Lounge-Tour in San Antonio, und es war ganz phantastisch.
Wir empfanden das OBS als echt tolles Festival mit wirklich guten
und auch zum größten Teil sehr netten Bands. Es war
dort einfach eine sehr angenehme Atmosphäre und es hat uns
großen Spaß gemacht, dort zu spielen. Natürlich
auch, weil wir wußten, daß das Publikum der amerikanischen
Roots-Musik generell wohl gesonnen war.
Auf dem "Orange Blossom"-Festival von Glitterhouse wird
einer Musik-Richtung gefrönt, die in den vergangen Jahren
aus dem Schattendasein und dem ewigen Anhängsel "Independent-Musik"
zu sein, herauskommt. "Independent" heißt zwar
unabhängig, doch wenn die Super-Bands dieses Globus in den
Regalen der Musik-Geschäfte unter dieser Rubrik zu finden
sind, dann stimmt ohnehin nichts mehr so richtig mit der Schubladen,
in die man so gerne Leute schiebt, die man nicht einordnen kann.
Es geht um Country-Rock, Folk, Rock, Blues, Cajun oder was immer
man mit amerikanischen Landstrichen in den US-Staaten Texas, New
Mexico oder Californien verbindet. Sagen wir einfach amerikanische
Roots-Musik dazu, Musik, die bodenständig ist, und nie ihre
Wurzeln vergißt. Sie findet immer mehr Freunde und wer denkt
von den Fans da nicht an Neil Young, quasi einem der Ur-Väter.
Markus Rill hat, und das wird die Herzen der eingefleischten Fans
höher schlagen lassen, mit Leuten wie Steve Wynn von den
ehemaligen genialen "Dream Syndicates" gespielt und
für die Newcomer des Jahres "Hazeldine" Konzerte
eröffnet, ebenso für Townes van Zandt, mit den "Shakin'
Apostels" war er auf Tour... Namen, die wohl nur Eingeweihten
etwas sagen aber großen Aha-Effekt auslösen, wenn man
deren Songs vorspielt, die mitunter wie bei "Hazeldine"
einer Heavy-Rotation beispielsweise im Berlin-Brandenburgischen
Sender Radio 1 unterliegen. Eine gewisse Schizopherenie ist dem
Musik-Business in dieser Richtung nicht abzusprechen.
In Deutschland scheinen US-Band wie "Hazeldine" oder
auch Al Perry und Steve Wynn Kultstatus zu feiern während
sie dort jenseits des großen Teiches kaum jemand großartig
zur Kenntnis nimmt. Ihr seid in den USA mehr als nur wohlwollend
aufgenommen worden. Wie kann man das erklären?
Kennst Du den tollen Songwriter Todd Snider? Der hat eine zeitlang
in Austin gelebt und war dort ein talentierter Songwriter unter
vielen. Dann ist er irgendwo andershin gezogen und dort war er
dann was ganz Besonderes und hat dort 'nen Major-Label-Deal bekommen.
Ein bißchen so ist das auch mit Hazeldine & Co. Es gibt
Leute wie Omar & The Howlers oder Calvin Russell, die hauptsächlich
in Europa ihr Geld verdienen, weil sie hier eben diesen besonderen
Authentizitätsbonus haben. Zuhause sind sie eben nur gute,
aber nicht außergewöhnliche Musiker. In dieser Liga
habe ich ja in den USA noch nicht gespielt. Jetzt versuche ich
gerade, einen Deal mit einem Vertrieb in den USA abzuschließen
und ich hoffe, daß da nur die Qualität der Songs zählt.
Vielleicht hat man als Ausländer ein Authentizitäts-Handicap,
vielleicht einen Exoten-Bonus, wer weiß? Ich denke, die
Songs müssen überzeugen.
Kennst Du eigentlich ostdeutsche Bands?
Ich kenne eigentlich überhaupt kaum deutsche Bands, die einen
ähnlichen Musikgeschmack haben wie wir. In Austin habe ich
mal eine sehr dylaneske Singer-Songwriterin aus Berlin namens
Nadja Petrick und ihre ganz nette Band getroffen. Ich würde
mich sehr freuen, mal wieder von ihnen zu hören.
Nun, als Texaner würde Markus Rill nicht unbedingt geboren
wollen sein. Dennoch würde er gern wieder eine längere
Zeit in Austin verbringen. "Vielleicht sogar dort leben",
meint er. Im Dezember ist er in Spanien auf Tour. Da hat er nicht
diese Hintergedanken mit dem Deutschsein und Englisch sprechen.
"Auf der Bühne fällt's mir manchmal schwer, die
Ansagen auf deutsch zu machen. Das empfinde ich gewissermaßen
als einen Bruch im Programm, in der gesamten Atmosphäre",
meint er. Andererseits wäre es ja auch "total affig",
als Deutscher mit lauter Deutschen englisch zu reden, schmunzelt
der Würzburger mit dem netten Dialekt: "Ich freue mich
jedenfalls schon auf unsere Auftritte in Spanien - dort kann ich
auf der Bühne mal wieder englisch reden." Zweifellos,
von Markus Rill wird man in der Zukunft mehr als nur Heimproduktionen
hören.
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