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1998

Stadtmagazin Aschaffenburg (März '98, Interview)
Markus Rill: Ein Texaner aus Goldbach
Das kann passieren: Eigentlich wollte Songwriter Markus Rill beim
Finale um die deutsche Ringer-Mannschaftsmeisterschaft zwischen
dem AC Bavaria Goldbach und dem KSV Aalen dabeisein. Aber am gleichen
Abend absolvierte der aus Goldbach stammende Markus Rill einen
Auftritt beim Aschaffenburger WASCHTAG und der geht vor. Auch
wenn der 28jährige Student Rill (Englisch/Sozialkunde) als
aktiver Ringer bei der ersten Meisterschaft der Goldbacher in
der Mannschaft stand, sein Vater Mannschaftsführer war und
Markus Rill auch heute noch als Ringer (in Unterdürrbach
bei Würzburg) aktiv ist. Aber die Musik geht derzeit vor.
Denn Markus Rill hat eine CD ("Gunslinger’s Tales")
vorgelegt, die beispielsweise im "Rolling Stone" eine
erstklassige Kritik erhielt.
Aschaffenburger Stadtmagazin: Ärgerst Du Dich, daß
Du jetzt nicht in der Unterfrankenhalle sein kannst?
Markus Rill: Nein. Ich würde gerne beides machen, aber das
geht halt nicht.
AS: Du warst in Aschaffenburg eher als Ringer bekannt, wie kam
es zur Musik?
Markus: Ich habe mit 18 Jahren als Ablenkung zum Abitur einen
Gitarrenkurs bei der Goldbacher Volkshochschule absolviert. Interessiert
hat mich Musik aber schon viel länger. Wobei ich mich schon
immer für das Kleingedruckte interessiert habe. Wer sind
die Songwriter? Nicht die Sänger waren für mich interessant.
AS: Du legst als Songwriter großen Wert auf die Texte, singst
aber in Englisch. Für einen deutschen "Liedermacher"
doch ein Widerspruch?
Markus: Ich habe noch nie auf deutsch gesungen. Als jeder auf
dem BAP-Trip war, hat mich das nicht interessiert. Ich hatte schon
immer ein Faible für die englische Sprache, auch in der Schule
und so.
AS: Wobei es in Deinem Fall ja amerikanisch ist...
Markus: Najaklar, wenn ich einen Ami treffe, kann ich mich zehn
Minuten lang mit dem unterhalten, ohne daß er merkt, daß
ich Deutscher bin. Ich habe schon mit 16 Jahren meine John Mellencamp-Videos
auf authentische Aussprache hin nachgeahmt.
AS: Womit wir schon beim Thema wären: Mit John Mellencamp
wirst Du oft verglichen, mit Springsteen etc...
Markus: Damit habe ich angefangen, das sind große Songwriter.
Springsteen ist über alles erhaben. Durch meine Zeit in Texas
hat meine Musik einen Country-Einfluß bekommen. Das heißt
aber nicht mit Hut wedeln oder Kühe fangen. es gibt in der
Country-Musik eine Tradtion, Storys zu erzählen, von Outlaws,
von Bankräubern etc. Das Bild vom einsamen Reiter hat einen
gewissen Charme für mich. Der wichtigste Einfluß für
mich heute sind Steve Earle und Townes Van Zandt - für den
habe ich kurz vor seinem Tod ein Konzert in Würzburg eröffnen
können.
AS: Du hast es eben angesprochen: Im Rahmen Deines Studiums warst
Su ein Jahr in Texas, genauer gesagt in Austin. Welche musikalischen
Erfahrungen hast Du dort gemacht?
Markus: In Los Angeles, New York und Nashville ist das große
Business, in Austin ist Musik ein fester Bestandteil im Leben
der Leute. Ob Blues, Country oder Rock’n’Roll - das
ist nix, womit man sich "beschäftigt", sondern
man wächst damit auf und es ist Bestandteil des Lebens, vergleichbar
mit der Bedeutung des Fußballs in Deutschland. Ich kam dahin
und dachte, ich bin schon Musiker - ich hatte zuvor schon Songs
geschrieben, war in zwei Bands (SCARECROW in Aschaffenburg und
BILLY AUSTIN in Würzburg, Anm. d. Red.) - habe dann eber
in diesem Jahr mehr über Musik gelernt als in 25 Jahren in
Deutschland. In Austin gibt es erstens dreißig Musikclubs
à la Colos-Saal, zum Teil vielleicht kleiner, aber mit
hoher Qualität, wo jeden Abend Konzerte stattfinden: Da läuft
in 14 Tagen mehr Interessantes als in einem ganzen Jahr in Deutschland.
In den meisten dieser Läden gibt es einmal pro Woche "open
microphone". Da kann jeder auf die Bühne und das habe
ich dann auch gemacht. Das hat gut funktioniert. Ich bin drei
Monate lang so aufgetreten, die haben teilweise gar nicht kapiert,
daß ich Deutscher bin. Am Schluß war ich soweit, daß
ich richtige Gigs in guten Läden für akustische Musik
- wenngleich nicht in den größten Hallen - bekam. Das
war für mich das Wichtigste. Da wußte ich, wenn ich
in einer Stadt wie Austin, in der es mehr Musiker als im gesamten
Rhein-Main-Gebiet gibt, soweit kommen kann, dann muß ich
es auch hier ausprobieren.
AS: Dieser Auftrieb - reicht der aus, um das Studium hinzuschmeißen
und nur noch Musik zu machen?
Markus: Vor dieser Entscheidung stehe ich gerade, mache aber dennoch
erstmal mein Examen - die ersten drei Seiten meiner Zulassungsarbeit
sind schon fertig ... (lacht). Ich wußte letztes Jahr, daß
es meine letzte Chance ist, eine CD zu machen - so was geht nicht
während der Prüfungsphase. Deshalb habe ich das so durchgezogen,
zusammen mit Musikern als zeitlich begrenztes Projekt. Da ist
aber viel mehr draus geworden, als ursprünnglich geplant.
Es gibt wahrscheinlich allein in Aschaffenburg Dutzende von Bands,
die eine eigene CD machen. Die verkaufen sich aber halt nur in
Aschaffenburg. Ich hatte dagegen das Glück, daß mir
ein Redakteur von der Musikzeitschrift "Rolling Stone"
die Liner Notes im Cover schrieb, zudem wußte man, daß
ich as Konzert von Van Zandt in Würzburg eröffnet hatte
- das hatte bundesweit Interesse geweckt und dazu geführt,
daß ich einen großen Vertrieb gefunden habe. Für
mich gibt es zwei Instanzen in Sachen Roots-Musik in Deutschland:
Den "Rolling Stone" und den "Glitterhouse"-Vertrieb.
Und beide haben diese CD ganz hoch gelobt, obwohl sie normal eher
argwöhnisch sind, wenn einer aus Deutschland daherkommt.
Die Kritiken haben mich dann riesig gefreut, aber auch überrascht,
daß sie so weit gehen. Die erste Auflage ist bereits vergriffen,
jetzt wird nachgeordert.
AS: Wie sieht die nahe musikalische Zukunft für dich aus?
Markus: Wir machen im Frühjahr noch einige Clubgigs und wollen
in erweiterter Besetzung im Sommer auf Festivals auftreten. Außerdem
wollen wir noch in diesem Jahr die zweite CD einspielen. Im April/Mai
werde ich die texanische Rockband THE SHAKIN’ APOSTLES als
Opener auf ihrer Deutschland-Tour begleiten.
AS: Wir danken für das Interview und wünschen viel Erfolg.
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