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1997

Main-Echo Aschaffenburg (Aug. 31, '97,Portrait)
Stories von Outlaws und Gestrauchelten
Markus Rill schreibt rootslastige Songs in der Tradition von Dave
Alvin und Steve Earle - Longplay Debüt: "Gunslinger's
Tales"
Amerikanistik-Studenten fällt zum Schriftsteller Ernest Hemingway
als Erstes das Modell der "Eisberg-Technik" ein. Auf
die Schreiberei übertragen sind die Worte auf dem Papier
der Spitze eines solchen schwimmenden Kolosses vergleichbar, dessen
Masse zu sieben Achteln unter der Wasseroberfläche liegt.
Gleich der Eisbergspitze beschreibt das Geschriebene nur einen
kleinen Teil des Gemeinten.
"Literarische Vorbilder für das eigene Liedschreiben
zu nennen, wirkt immer ein bißchen zu prätentiös",
wiegelt der in Würzburg lebende Songwriter Markus Rill ab.
Doch Hemingways schriftstellerisches Credo würde der Literaturstudent
auch bedingt für seine eigenen Songs gelten lassen, die mit
wenigen Strichen Wesentliches skizzieren. "Gunslinger's Tales",
Rills überaus überzeugendes Debüt, das selbst Insidern
wie dem Roots-Kolumnisten des Fachblatts "Rolling Stone",
Jörg Feyer, lobende Worte abtrotzt, vereint elf von Rills
Eigenkompositionen. Wer die Scheibe hört, merkt, daß
es weniger literarische Traditionen sind, in die sich der 27jährige
einklinkt. Rills Götter heißen Steve Earle, Townes
van Zandt (der kürzlich leider viel zu früh verstarb),
John Prine, Dave Alvin und Guy Clark. Könige der Folk- und
Country-Musik abseits des Nashville-Pomps. Und das Zentrum ihres
Reichs heißt Austin, 1971 von den Country-Outlaws Willie
Nelson und Waylon Jennings als Gegenpol zum businessverseuchten
Nashville etabliert.
Austins jährliche South By Southwest-Messe gilt als Mekka
für Anhänger bodenständiger Musik. Markus Rill
hat selbst ein Jahr lang in der texanischen Hauptstadt gelebt,
hat an den "Open Mike"-Abenden der Coffee-Shops, Kneipen
und Music-Halls wie dem "Cactus Cafe" oder dem "Chicago
House" seine Gitarre ausgepackt und Kontakte zu amerikanischen
Musikern geknüpft. Und nicht zuletzt hat er in dieser Atmosphäre
sein Songwriting perfektioniert und seiner Musik den letzten Schliff
gegeben. Daß er beim amerikanischen Publikum ankam, war
für ihn mehr als nur Ermutigung. Die Authentizität seiner
staubtrockenen, countryfizierten Songs, von denen viele fernab
von Tumbleweed und knarrenden Saloontüren am Untermain entstanden,
liegt allerdings nicht nur im Austin-Aufenthalt Rills begründet.
Ausgedehnte Reisen hat er in der Neuen Welt unternommen, ins Mississippi-Delta,
nach New Orleans, und er ist die "Blues-Route" hinauf
bis nach Chicago gepilgert. Das prägt. In Songs wie "Jenny"
verarbeitet Rill nicht nur textlich Erfahrungen einer Bekanntschaft
in einer Bar des "Big Easy", auch Cajun-Elemente, jene
mutierten Klänge französischer Einwanderer im Mississippi-Gebiet,
flossen in seine Musik ein. "Die Songs sind allerdings nie
1:1-Übertragungen der Realität", erklärt der
Songwriter. Die Wirklichkeit wirke nur als Anstoß von außen:
"Dann geht es nur noch um den guten Song." Das Verpacken
von Emotionen sei stets eine Gratwanderung. Vor Larmoyanz müsse
man sich hüten. "Es interessiert doch keinen, von welcher
Seelenpein ich geplagt werde." Als durchgängiges Element
zeigt sich auf "Gunslinger's Tales" Rills Interesse
für Menschen am Rande der Gesellschaft, für Outlaws,
für die Gestrauchelten und die am Leben Gescheiterten.
Wie kommt man als ehemaliger Bundesliga-Ringer und in Goldbach
aufgewachsener Jugendlicher dazu, sich einer Musik zu verschreiben,
deren Image bei Unkundigen knapp über der volkstümlichen
Musik rangiert? "Es ist einfach die Musik, zu der man am
Besten Geschichten erzählen kann", faßt Markus
Rill knapp zusammen. Den Einstieg in die breitgefächerte
Welt der Country-Musik fand er über durchaus massenkompatible
Musiker wie John Mellencamp, Bob Dylan und Bruce Springsteen.
Die Musik von Rills damaliger Folkrock-Formation "Scarecrow",
die sich wohl nicht zufällig nach einem Album Mellencamps
benannt hatte, war von diesen Musikern geprägt. In Bands
wie "Wandering Sprit" oder"Billy Austin" setzte
Rill in Würzburg seinen rootslastigen musikalischen Werdegang
konsequent fort. Gerade die festgelegte Formatierung der Songs
auf wenige Akkorde hat ihren Reiz. Dort kann das Herz umherstreifen.
Musik-Kritiker Christoph Dieckmann, einst Free-Jazz Fan hat dazu
die ultimativen Worte gesagt: An der Country-Musik liebe er die
"zyklische Weltfrömmigkeit, ihren Sensus für die
letzten Dinge, ihren Respekt vor Syntax, Vers und Reim, ihr Kommunikationstalent,
ihren Willen, sich auch die digitale Erde Untertan zu machen,
statt selbst ein Chip zu werden und in postmodernen Klangcollagen
zu verschwinden." Dem ist nichts hinzuzufügen.
Rill schlüpft in die Rolle des Schurken, der immer einen
Colt samt Bibel bei sich trägt und trotz einiger Missetaten
doch noch in den Himmel will. Mit Dreitagebart und einem blauen
Auge vom Wettkampf-Ringen auch optisch überzeugend. Er singt
von seinem Bruder, der Priester war. Soll's glauben, wer will.
Rill hat seine Musik auf der CD mit hervorragenden Musikern eingespielt,
die den Eigenkompositionen einen geschmackvollen Roots-Charakter
verleihen. Mandoline, Akkordeon, National Steel Slide Gitarre
und Fiddle sorgen für einen atmosphärisch dichten Sound,
von dem sich so manche glatte Nashville-Produktion eine Scheibe
abschneiden könnte.
Und daß er mit seiner Musik menschlich richtig liegt, hat
er erst kürzlich wieder festgestellt. Als Rill mit seiner
Band als Support für die Rock-Dinosaurier Jethro Tull auf
die Bühne ging, umwehte ihn der eisige Hauch des Big Business.
"Wir durften nicht mal deren Verstärker benutzen",
sagt Rill. Ganz anders seine Erfahrungen mit dem Songwriter Townes
van Zandt, dessen letzten Würzburger Gig Rill solo eröffnen
durfte. Der Texaner lud ihn sogar dazu ein, sein Abendessen mit
ihm zu teilen.
Alexander Bruchlos
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